hochsensible/-empfindliche Menschen

Hochempfindlich zu sein
ist ein Geschenk,
für mich selbst und für alle,
die ich  berühre...


Eigenheiten in der sinnlichen Wahrnehmung


Hochempfindliche Menschen besitzen eine viel feinere und detailliertere Wahrnehmung. Dies bezieht sich nicht auf die objektive Leistung der Sinnesorgane, da es unter Hochsensiblen prozentuell genauso viele Seh- oder Hörschwache wie unter der Gesamtbevölkerung gibt. Die erhöhte Empfindlichkeit für Details und Feinheiten beruht einerseits auf schwächeren Filtern in der Wahrnehmung, doch andererseits auch auf einem erheblich empfindlicheren Nervensystem.

Die menschliche Wahrnehmung unterliegt ständig bestimmten Filtern, welche die Aufgabe haben, wichtige Reize von jenen zu trennen, die (zumindest im Moment) eher unwichtig scheinen. Würden wir ständig alle Eindrücke ungefiltert (das bedeutet, auf der gleichen Prioritätsstufe) ins Bewusstsein lassen, wären wir kaum noch in der Lage zu funktionieren. Die Farbe unseres Computerbildschirmes wäre ebenso wichtig wie der Text des Liedes im Radio, das Summen der Fliege am Fenster, die E-Mail von unserem Chef, der sanfte Druck des Hemdkragens oder des Hosengummis, und das Telefongespräch des Kollegen am Nebentisch. Um also aus all diesen Reizen den oder diejenigen herauszufiltern, die relevant scheinen, kommen, normalerweise ganz automatisch, Filter zum Einsatz.

Die Wahrnehmungs-Filter hochsensibler Personen scheinen wesentlich schwächer ausgebildet zu sein als die anderer Menschen. Während die nicht so Sensiblen Gewohntes oder Uninteressantes (Radio, Hintergrundlärm, Gespräche anderer, etc.) einfach "ausblenden", d. h. nicht mehr bewusst wahrnehmen, fällt dies uns hochsensiblen Menschen meist schwerer. Die schwache Filterung ist vor allem auch für die Möglichkeit der Überstimulation durch schwache Reize verantwortlich, wenn diese Reize entweder zugleich in großer Zahl auftreten (die Flut an Eindrücken in einem Einkaufszentrum kann hochempfindliche Personen schon an ihre Grenzen bringen), oder stetig über einen längeren Zeitraum hinweg (z.B. das Ticken einer Uhr, oder der klassische Fall des tropfenden Wasserhahnes, etc.).

Wahrnehmungs-Filter können oft durch gezielte Aufmerksamkeit umgangen werden. Warten beispielsweise ein hochempfindlicher und ein nicht hochempfindlicher Mensch zusammen in einem Auto mit geöffneten Fenstern an der Kreuzung auf das Freischalten der Ampel, während im Baum neben der Kreuzung eine Amsel ihr Abendlied trällert, so sind die Chancen sehr hoch, dass der eine die Amsel wahrnimmt, und der andere nicht. Weist man den nicht hochempfindlichen Autofahrer jedoch darauf hin ("Hör doch mal wie schön die Amsel singt.."), dann wird auch er das Gezwitscher registrieren.

Außer dieser schwächeren Filterung verfügen Hochempfindliche auch über ein gesteigertes Wahrnehmen von Nuancen. Die gesteigerte Wahrnehmung hochsensibler Menschen kann sich grundsätzlich auf alle inneren und äußeren Reize beziehen. Hochsensibilität kommt jedoch in endlos vielen Variationen vor, kaum zwei Menschen sind gleich. Die Bandbreite innerhalb der Gruppe hochsensibler Menschen ist groß, und deshalb wird sich kaum jemand in allen folgenden Punkten wiederfinden. Doch jeder Hochempfindliche wird sich in dem einen oder anderen Punkt deutlich erkennen.

Außersinnliche Wahrnehmung - Andere Welten


Wenn es beispielsweise auch höchst ungeklärt ist, wie wir den emotionalen Zustand eines Menschen wahrnehmen können, der gerade den Raum betritt, während wir der Tür de
n Rücken zudrehen oder mit geschlossenen Augen am Bett liegen, so handelte es sich doch bis jetzt noch um "normale" und überprüfbare Dinge. Theorien, dass es sich um unterschwellige Wahrnehmung und Interpretation von subtilen Signalen wie dem Rhythmus der Schritte oder der Art und Weise des Öffnens der Tür handelt, scheinen da sehr plausibel. Darüber hinaus hat jedoch eine erhebliche Anzahl von hochempfindlichen Menschen Wahrnehmung von ganz anderen Dingen.

Das für die meisten Menschen leichter nachvollziehbare Ende des Spektrums sind dabei wiederum die Ereignisse, die mit bestehenden Beziehungen zusammenhängen. Wenn wir 'wissen' wer uns anruft, ehe wir den Hörer von der Gabel nehmen, oder die hochempfindlichen Freunde, die sich genau dann melden, wenn es uns schlecht geht und wir Aufmunterung brauchen. Hierher gehört auch das Phänomen, dass derjenige, den wir gerade anrufen wollen, uns anruft, just als wir zum Hörer greifen, oder dass wir immer 2 Tage, nachdem wir intensiv an Tante Herta denken mussten, von ihr einen Brief bekommen.

Darüber hinaus nehmen viele Hochempfindliche Dinge wahr, die sie oft nicht als Wahrnehmung erkennen. Sie halten das dann vielleicht für spielerische Phantasie, über die sie nie mit jemandem sprechen, oder halten diese Phänomene sehr nahe bei der Bewusstseinschwelle, wodurch sie nie darüber nachdenken, geschweige denn sich darüber austauschen. Das können einfache Farbmuster sein, fadenartige Verbindungen zwischen Menschen und Dingen, abstrakte Welten, die über die physische wie 'darüberprojiziert' sind, Wesen aller Art, von verstorbenen Seelen, kleinen Leuten, Naturgeistern, Engeln und Lichtwesen, Schattenwesen, unverständlich fremdartigen oder märchenhaft vertrauten, mit denen sie kommunizieren oder auch nicht, bis hin zu komplexen Traumwelten, die einen Zusammenhang mit dem Geschehen auf der physischen Ebene erkennen lassen oder auch nicht.

Verm
utlich haben die meisten hochempfindlichen Menschen als Kinder Zugang zu solchen Ebenen, später werden sie dann oft aus dem Bewusstsein trainiert, bleiben aber fast ebenso oft als spielerische Einbildung ("Ich bilde mir das ja nur ein") oder
kreativer Freiraum ein lebenslanger Begleiter. Wir werden uns hüten, hier auf den Realitätsgehalt solcher Wahrnehmungen eingehen zu wollen. Da dieser Bereich jedoch für viele Hochsensible einen mehr oder weniger großen Teil der subjektiven Wirklichkeit ausmacht, darf er nicht unerwähnt bleiben. Die Welten der Tagträumerei und welchen subjektiven Stellenwert sie einnehmen, sind noch weitgehend unerforscht. Bessere Angaben stehen uns da zur Verfügung über die Traumwelten, die von HSP während des Schlafes besucht werden. Über 64% geben an, oft bunt und intensiv zu träumen. Und noch mehr, nämlich 70% der befragten hochempfindlichen Menschen sagen, dass ihnen ihr Traumleben wertvoll ist.

Tiefe Reflexion, Nachdenken und Nachempfinden


Hochempfindliche Menschen haben eine Neigung zu tiefer Reflexion. Nachdenken, sinnieren, Zusammenhängen nachspüren und philosophische Betrachtungen anstellen sind für viele HSP ein lustvoller Zeitvertreib. Das heißt aber auch, dass sie sich Entscheidungen in der Regel nicht leicht machen, sondern sowohl die Konsequenzen als auch allgemeine größere Zusammenhänge ihrer Handlungen in ihre Überlegungen gründlich mit einbeziehen. Speziell Entscheidungen, die sie nicht nur selbst betreffen, sondern auch Auswirkungen auf andere Menschen haben, werden langsam und von allen Seiten her betrachtet. Diese Neigung, sämtliche Implikationen einer Entscheidung sorgfältig abzuwägen, lässt uns oft entscheidungsschwach oder zögerlich erscheinen. Richtiger wäre jedoch vielmehr der Begriff "entscheidungslangsam". HSP fragen in der gründlichen Beleuchtung einer Entscheidungsfrage oft viele verschiedene Menschen um ihre Meinung, lassen sich darauf ein und übernehmen vielleicht den geäußerten Standpunkt sozusagen probeweise jeweils für einige Stunden. Viele nicht hochempfindliche Menschen beurteilen ein solches Verhalten als Unfähigkeit oder Schwäche. Doch selten wird eine HSP spontan und ohne gründliches Überlegen eine heikle Entscheidung treffen, es sei denn, er/sie kann ihrer Intuition bereits genug vertrauen, um sich von ihr so sicher leiten zu lassen.

Hochempfindliche Menschen, die sich selbst noch nicht sehr gut managen, können in diesem Bereich "tiefe Reflexion und das Treffen von Entscheidungen" ihr Leben enorm erschweren, indem sie es verabsäumen, Entscheidungsprioritäten zu setzen. Es gibt sie, die Entscheidungsperfektionisten, die Stunden zubringen mit der Frage, ob das neue Mousepad dunkel- oder hellblau werden soll. Und sie sind fast ausnahmslos hochempfindlich.

Berufliche Positionen, die blitzschnelle Entscheidungen erfordern, sind somit (außer für hochempfindliche Menschen mit nahezu unfehlbarer Intuition) meist wenig erfüllend, solche jedoch, welche die langfristige Tragbarkeit getroffener Entscheidungen verlangen, profitieren beträchtlich von den wohlüberlegten und durchdachten Entscheidungen einer hochempfindlichen Person. Mehr dazu folgt in Kapitel 7: "Arbeit".

Gute Fähigkeit zum Zuhören
Wenn Sie sich fragen, wer in Ihrem Umfeld denn nun wohl hochempfindlich sein könnte, so brauchen Sie nur zu schauen, zu wem denn die anderen Menschen gehen, um sich auszusprechen. Diese "menschliche Klagemauer" wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu den Hochsensiblen zu zählen sein. 81% der Hochempfindlichen bezeichnen sich selbst als gute Zuhörer. Diese gesellschaftlich so wichtige psychohygienische Funktion des urteilsfreien Raumgebens und einfühlsamen Zuhörens wird (zumindest in informalen Alltagssituationen) vermutlich zu annähernd 100% von hochempfindlichen Menschen abgedeckt. Im Abschnitt "Das kulturelle Ideal" berichten wir von einem in diesem Zusammenhang interessanten Versuch an der University of California in Santa Cruz.


Großes Harmoniebedürfnis
Streit und streitähnliche Konflikte stellen für viele hochempfindliche Menschen die Schreckensvision einer überstimulierenden Reizüberflutung dar. Um solche Konflikte zu vermeiden, vertreten sie unter Umständen den eigenen Standpunkt wider besseren Wissens nicht, schlucken ihren Protest hinunter und lassen "fünf gerade sein". Sie kommunizieren oft ihren Ärger oder ihre Verletzung nicht, sondern ärgern oder grämen sich dann hinterher, wenn sie alleine sind. "Der Klügere gibt nach" ist eine schmeichelhafte Bemäntelung der praktischen Tatsache, dass oft der Sensiblere nachgibt - denn lieber zurückstecken, als sich einer unerträglichen Disharmonie und Auseinandersetzung stellen zu müssen.

Diese in manchen Familien vielleicht noch als "edel" gewürdigte Haltung führt jedoch dazu, dass sich - je nachdem an welchen Spruch man sich hält - der Dümmere oder der weniger Sensible durchsetzt und bestimmt, was geschieht. Damit werden Hochsensible, die als nichtsolidarische Minderheit mit verschrobenen Bedürfnissen sowieso einen schweren Stand im sozialen Leben haben, noch weiter an den Rand gedrängt. So sagen fast dreiviertel (72,6%) aller Hochempfindlichen, dass ihnen Harmonie sehr wichtig ist, und sie sich im Konfliktfall lieber zurückzögen. Ohne positiv bewältigte Konflikte nähert sich jedoch die soziale Gestaltungsmöglichkeit dem Nullpunkt.

Eng damit in Zusammenhang steht, dass 92% der HSP anerkennen, dass sie von der Stimmung anderer Menschen beeinflusst werden. 83% (das sind über 90% der besagten 92%) der HSP finden diesen Einfluss erheblich. Daraus lässt sich unschwer ableiten, dass für sehr viele HSP das Auftreten eines Konfliktes bereits einen Verlust darstellt - denn entweder sie ziehen den Kürzeren und bekommen ihre Wünsche oder Bedürfnisse nicht erfüllt, oder sie setzen sich durch, dann werden sie durch den Frust des anderen beeinträchtigt. Das Streben nach einer Lösung, bei der alle Beteiligten gewinnen, liegt somit im ureigensten Interesse der HSP.

Es gibt jedoch auch ca. 12% von HSP, die sich im Konfliktfall lieber nicht zurückziehen. Viele davon haben wohl für sich verstanden, dass wahre Harmonie ohne Konflikte nicht erreichbar ist. Manche von ihnen entwickeln sich (vorübergehend) zu echten Streithähnen, deren Harmoniebedürfnis sich paradoxerweise darin zeigt, dass sie jede Unstimmigkeit zum Konfliktfall machen. Auch wenn es für Außenstehende so aussehen mag, als hätten sie Spaß am Konflikt, so ist dies doch selten so, sondern oft ist es die Sehnsucht nach der Harmonie, die sie sich von der Bewältigung des Konflikts versprechen. Unglückseligerweise sind diese konfliktfreudigen Hochempfindlichen zwar sehr konfliktbereit, aber nicht unbedingt konfliktfähig. Mitten in der von ihnen herbeigeführten Auseinandersetzung kann es dann leicht dazu kommen, dass sie der Überstimulation erliegen. Das heißt, sie verlieren die Nerven, werden plötzlich sehr emotional, oft auf Kosten der eigenen Argumentation, nehmen Bemerkungen persönlich, die vielleicht durchaus nicht so gemeint waren, oder laufen mitten im Gespräch einfach davon, weil sie dem Stress nicht mehr standhalten können.


Lernfähigkeit bis ins hohe Alter
Leben bedeutet für hochempfindliche Menschen lernen, und das in jeder Beziehung. Oft ohne es zu merken, nehmen die meisten von uns ständig neue Inhalte auf, und überraschen uns dann selbst mit Wissen oder Fähigkeiten, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie besitzen. Viele HSP arbeiten beispielsweise an Arbeitsplätzen, an denen sie von der Tätigkeit her weit unterfordert sind (während sie alltägliche Kleinintrigen, die Radioberieselung und die Gruppenbesprechungen andererseits vielleicht bis an ihre Grenze fordern). Sie gleichen das oft aus, indem sie die Tätigkeiten ihrer Kollegen oder Kolleginnen auch lernen - bis sie den gesamten Ablauf verstehen und beherrschen, und dann vielleicht beginnen, sich mit Verbesserungsvorschlägen mehr oder weniger unbeliebt zu machen. Dem Autor sind persönlich zwei Fälle bekannt, wo nach der Kündigung eines hochsensiblen Mitarbeiters einmal drei und einmal sage und schreibe vier Leute eingestellt wurden, um das zu tun, was vorher ein einziger, hochempfindlicher Angestellter erledigte. Und das nicht etwa erst nach langjähriger Tätigkeit, sondern nach 2 bzw. 4 Jahren Betriebszugehörigkeit. In beiden Fällen handelte es sich um eher oberflächliche Tätigkeiten, welche das Potenzial und die Kreativität und andere spezielle Fähigkeiten der HSP nicht einmal annähernd ausschöpften.

Diese Lernfähigkeit hochempfindlicher Menschen ist ziemlich unabhängig vom Alter der jeweiligen Person - HSP verblüffen oft noch im hohen Alter durch ihr Interesse für Neues und ihre geistige Beweglichkeit. Vermutlich hängt diese innere Agilität der HSP mit ihrem tiefen Bedürfnis zu verstehen zusammen, von dem wir bereits im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Eindrücken sprachen. Fähigkeiten, die ein Leben lang geübt werden, bleiben uns meist bis ins reife Alter. Im Orient beispielsweise, wo auch wohlhabende Menschen auf Grund ihrer kulturellen Eigenheiten überwiegend am Boden sitzen, sind die meisten Menschen bis ins Greisenalter ohne nennenswerte Mühen fähig, sich im Schneidersitz auf den Boden zu setzen oder von dort aufzustehen. Hoch empfindliche Menschen, die sich ein Leben lang bemühen, die unzähligen erlebten oder beobachteten Szenen zu verstehen, bleiben bis ins hohe Alter geistig rege, interessiert und offen für neue Einsichten.


Besonderheiten des hochempfindlichen Körpers + Ausgeprägtes Frühwarnsystem


Das hochsensible Nervenkostüm der HSP bildet auch die Basis für ein sehr gutes Frühwarnsystem. Entzündungsherde, Verkrampfungen, Probleme mit dem Verdauungsapparat oder dem Kreislauf, sowie alle anderen leichten Unpässlichkeiten und körperlichen Ungleichgewichte werden schon sehr früh ans Bewusstsein weiter geleitet. Die Tendenz zu größerer Achtsamkeit verhilft dazu, diese frühen, subtilen Signale nicht auszublenden, sondern zur Kenntnis zu nehmen. Die Anlage zum intensiveren und tieferen Verarbeiten führt dazu, dass solche Anzeichen zu Überlegungen und Fragen führen, die meist solange am Arbeiten sind, bis eine befriedigende Antwort gefunden wurde.

Ein funktionierendes Frühwarnsystem kann die beste Gesundheitsversicherung darstellen, denn wenn Probleme behoben werden, solange sie noch klein und schwach sind, kommt es nie zu großen Problemen. Unglücklicherweise nehmen sich viele hochsensible Menschen selbst so wenig wichtig (bzw. manchmal auch die eigene Wahrnehmung nicht ausreichend ernst), sodass die Behebung von kleinen Befindlichkeitsstörungen eine niedrige Priorität für sie hat. Dadurch werden Maßnahmen zum Gegensteuern so lange hintangestellt, bis die Probleme so groß geworden sind, sich durch intensivere Symptome die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Aus dem Frühwarnsystem kann sich jedoch auch ein potentieller Spannungspunkt ergeben. Manche HSP nehmen körperliche Ungleichgewichte - die sich ohne Gegenmaßnahmen über kurz oder lang zu Krankheiten oder ähnlich deutlichen Unannehmlichkeiten auswachsen können - bereits in einem Stadium wahr, wo sie von den Diagnosemethoden der modernen westlichen Medizin noch nicht feststellbar sind. Geht der achtsame und vorausschauende hochsensible Mensch damit zum Arzt, so kann dieser vielleicht gar nichts feststellen, obwohl für die Betroffenen selbst bereits ein mehr oder weniger subtiler aber jedenfalls wahrnehmbarer Leidensdruck besteht. Manchmal steht dann gleich der Vorwurf der Hypochondrie im Raum. Bleibt das Problem im Frühstadium unbehandelt, kann es wachsen, die Symptome können sich verstärken bis an den Punkt, an dem das Problem auch von Ärzten erkannt werden kann. Manchmal taucht dann in ihrem Umfeld, aber auch bei den erkrankten Menschen selbst, der Verdacht auf, sie hätten sich die Krankheit durch die "intensive Einbildung" selbst "herbeigewünscht".

Spezielle Probleme mit dem Selbstwert


Mit dem Selbstwert sehr vieler hochsensibler Menschen scheint es nicht zum Besten zu stehen. Die Fülle von möglichen Ursachen lassen sich in den folgenden drei Themenbereichen lokalisieren. Dass es davon abgesehen immer auch individuelle, völlig anders geartete Ursachen geben kann, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.
Die Erfahrung, häufig ins Unrecht gesetzt zu werden

Viele hochsensible Menschen werden als Kinder, Jugendliche und Erwachsene häufig ins Unrecht gesetzt. So wie sie selbst oft unreflektiert annehmen, dass alle Menschen gleich empfindsam sind und nicht zu verstehen meinen, wieso andere sich selbst und anderen so viel Unangenehmes zumuten, schließen die nicht hochempfindlichen Menschen gleichsam von sich auf alle anderen. Die hohe Empfindsamkeit, die geringere Belastbarkeit, die Langsamkeit in Entscheidungen und vielem Anderen, die plötzlichen Stimmungsschwankungen - wenn nicht hochsensible Menschen solches Verhalten an den Tag legen, dann hat das ganz andere Gründe: entweder sie sind krank bzw. knapp vor Ausbruch einer Krankheit, oder sie verfolgen ein verdecktes Ziel. Im letzterem Fall wollen sie sich vielleicht vor einer Aufgabe drücken, wollen jemanden in eine bestimmte Richtung beeinflussen, oder versuchen ein Aufmerksamkeitsdefizit gefüllt zu bekommen. Wenngleich das nicht allen Menschen so bewusst sein mag, so werden doch sehr viele mehr oder weniger unterschwellig solche Motivationen unterstellen, wenn sie hochsensible Menschen in ihrem So-Sein beobachten. Und bekanntlich werden Dinge, die wir selbst getan haben, tun, oder tun möchten, für die wir aber ein schlechtes Gewissen haben, am heftigsten angegriffen, wenn sie uns im Verhalten anderer begegnen. Somit werden hochempfindlichen Menschen häufig Motivationen wie Dünkel, Überheblichkeit, Faulheit, oder - beispielsweise bei bedächtiger Entscheidungsfindung - Inkompetenz und andere Charaktermängel unterstellt. Solche Projektionen und vor allem auch darauf fußende respektlose oder abwertende Behandlung hinterlassen ihre Spuren.


 
Dies sind nur Auszüge aus dem Buch zu diesem Thema...